Der heilige Narr

Nach Ideen für British Airways oder Toyota hat die Werberlegende Paul Arden jetzt eine für den Weltfrieden.

23. Dezember 2007, NZZ am Sonntag

Wenn Paul Arden ins Wohnzimmer seines Londoner Apartments tritt, blickt ihn Adolf Hitler an. „Keine Angst“, sagt der 67-Jährige: „Auch ich hasse den Mann.“ Warum hat er ihn dann in Öl gemalt an der Wand hängen? „Weil er niemanden kalt lässt.“

Das kann man auch von Arden sagen. In den Achtzigern und Neunzigern war er einer der berühmtesten Werber der Welt. Und auch einer der berüchtigtsten – seiner Exzentrik wegen. So hielt er etwa einmal einen Vortrag nicht selbst, sondern ließ einen Schauspieler ans Rednerpult treten, der „Gibberisch“ sprach, eine von Arden erfundene unverständliche Sprache. „So hatte ich die Gewähr, dass sich jeder an mich erinnert.“

Paul Arden

Ardens Wahnsinn hat also Methode. Er lehrt sie in seinem Buch „Whatever you think, think the opposite“, das von der Unvernünftigkeit vernünftiger Entscheidungen handelt. Denn nichts sei so riskant, sagt der Brite, wie nichts zu riskieren.

Ein schmales Werk mit wenig Text, dafür umso sprechenderen Bildern, dem ein Motivationsbuch in identischer Manier vorausgegangen ist, das ein internationaler Bestseller wurde: „It’s not how good you are, it’s how good you want to be“.

Letzten Monat erschien Ardens drittes Buch, mit dem er seine Kunst der maximalen Reduktion auf die größtmögliche Komplexität überhaupt anwendet: Gott. Doch keine Sorge: Arden ist nicht ins Lager der Sinnsucher gewechselt, er ist kein Paulo Coelho für Männer geworden. Illustriert von Mark Buckingham, der für seine Cartoons so wenige Striche braucht wie Arden Worte, um seine eigenwilligen Erkenntnisse zu formulieren, ist „God explained in a taxi ride“ eine Kritik am populär gewordenen Atheismus des Oxforder Evolutionsbiologen Richard Dawkins („Der Gotteswahn“). Denn so berechtigt dessen Kampf gegen religiösen Fundamentalismus sei, findet Arden, so überholt sei dessen Überzeugung, dass sich Wissenschaft und der Glaube an eine höhere Macht notwendigerweise ausschließen.

Zu Recht erinnert Arden etwa an den metaphysischen Schauer, der den Astrophysiker erfasst, wenn dieser über den Big Bang nachdenkt, jenen Moment vor über 13 Milliarden Jahren, als aus einem unendlich kleinen und unendlich heißen Punkt reiner Energie heraus in einer Explosion, die mit der einer gigantischen Splitterbombe vergleichbar ist, Materie, Raum, Zeit und auch gleich noch die Naturgesetze entstanden.

„Warum ist überhaupt etwas? Warum ist nicht vielmehr nichts?“ Diese Urfrage metaphysischen Staunens stellt sich auch Paul Arden, um dann dem positivistischen Polemiker Dawkins vollends den Schaum vom Mund zu wischen: „Ist nicht der absolute Glaube an die Nicht-Existenz Gottes selbst eine Religion?“

Kommt hinzu, findet Arden, dass man als Atheist und damit als gleich doppelt Ungläubiger nicht mit dem radikalen Islam in einen Friedensdialog treten kann. Und nicht zuletzt darum geht es dem Briten mit seinem Buch. Denn der Atheismus Dawkins’ mag dazu führen, dass im Bible Belt der USA nicht mehr gelehrt wird, dass die Welt in sechs Tagen entstand. Aber er ist unfähig, einen islamistischen Selbstmordattentäter davon abzuhalten, sich ins Himmelreich zu sprengen.

Das kann für die Werberlegende Paul Arden nur etwas: eine Idee. Eine Idee, die so stark ist, dass sie – wie alle großen Werbeideen – im Hirn der Zielgruppe einen Schalter umlegt und sie etwas mit völlig neuen Augen sehen lässt. So wie die Idee für die VW-Käfer-Anzeige „Think small“ aus dem Jahre 1959, nach der große Autos nicht mehr automatisch besser sein mussten. Oder so wie die Idee für den TV-Spot „1984“ von Apple, der im Orwell-Jahr ein einziges Mal lief und nach dem Computer nicht mehr etwas Technisches, Bedrohliches, Versklavendes waren.

Genau so – nur dass es Arden nicht um so unwichtige Dinge wie Autos oder Computer geht: Es geht ihm mit seiner Idee um den Weltfrieden. Sein Vorschlag: eine gigantische, die Skyline Manhattans dominierende Moschee auf Ground Zero. Als Ausdruck unseres Verständnisses der islamischen, ja sogar der islamistischen Sichtweise. Und als Grundlage für einen Dialog, in dem man mit den richtigen Argumenten auch tatsächlich etwas bewirkt.

„Denkst du, dass du mächtiger bist als Gott?“ würde Arden so etwa einen Selbstmordattentäter fragen: „Denn das musst du denken, wenn du für ihn in den Krieg ziehst. Du glaubst, dass Gott ohne dich zu schwach ist. Und das ist kein starker Glaube.“

Ist der Mann ein Spinner? Vielleicht. Vielleicht ist Arden aber auch einfach einer jener heiligen Narren, wie es sie in der Geschichte des Christentums immer wieder gab. Ein geistiger Wiedergänger jenes Symeon von Edessa aus dem 6. Jahrhundert zum Beispiel, der hüpfte, verworrenes Zeug redete, sich im Unrat wälzte und einen toten Hund mit sich herum schleifte, einzig und allein, um als „Narr in Christo“ all jenen zur Erkenntnis der Wahrheit zu verhelfen, deren Glaube in Ritualen erstarrt war.

„Wir haben alle unseren direkten Draht zu Gott“, schreibt Arden: „Wir brauchen keine Priester oder Propheten.“ Und: „Du kannst an Gott glauben, ohne religiös zu sein. Denn an Gott zu glauben, macht dich nicht zu einem religiösen Menschen. Sondern zu einem spirituellen.“

Der Irrsinn Bin Ladens brachte den Terror über die Welt. Vielleicht wird uns der Irrsinn Paul Ardens wieder von ihm befreien.

Nachtrag: Paul Arden starb mit erst 67 Jahren am 2. April 2008.

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